Deutschland und Europa
Ayaan Hirsi Ali (ehem. Abgeordnete im holländischen Parlament) war die erste Frau, die für die Einführung eines konkreten Kontrollprogramms gegen Genitalverstümmelung (FGM) an Mädchen eintrat und ein erstes Konzept dafür vorstellte. (Siehe: "Ich klage an", Ayaan Hirsi Ali, PIPER - ISBN 3-492-04793-9, S. 153/154/155) Hirsi führt darin aus, dass die meisten Kinder zur Durchführung von FGM während der Schulferien in das Herkunftsland der Eltern gebracht werden. Aber auch in Deutschland und den Nachbarländern beteiligen sich einzelne verantwortungslose Ärzte an der Ausübung, wie immer wieder von Eingeweihten an Frauenrechtsorganisationen oder Vertrauenspersonen weitergegeben wird. Auch sollen Beschneiderinnen extra eingeflogen werden, wobei sich meist mehrere Familien die Kosten teilen. In den Randgebieten großer Städte, wie Berlin, Amsterdam, Paris, sind dort lebende Beschneiderinnen innerhalb ihrer Communitys kaum von den staatlichen Behörden aufzuspüren, geschweige denn zu überführen.
Weibliche Genitalverstümmelung (female genital mutilation - FGM) ist eine Menschenrechtsverletzung. Durch die Ausübung von Genitalverstümmelungen werden Rechte verletzt, die in unserem Grundgesetz verankert sind und für alle Menschen gelten, die in Deutschland leben. Mädchen aus eingewanderten Familien sollten von diesem Rechtsschutz profitieren können. Leider machen unsere langjährigen Erfahrungen deutlich, dass viele MitarbeiterInnen in sozialen und pädagogischen Einrichtungen zu uninformiert, desinteressiert, befangen oder resigniert sind, sich einzuschalten, wenn sie von einer bevorstehenden oder bereits geschehenen FGM erfahren. Unterschiedliche Argumentationen bekamen wir zu hören: Die Leiterin eines Kindergartens: "Wir wollen ja die Migranten-Eltern nicht davon abhalten, ihre Kinder in unsere Einrichtung zu bringen. Das würde unsere Arbeitsplätze wegkürzen, weil wir dann zuwenig Kinder hätten." - Ein Arzt: "Ich werde die Eltern dieser Patientinnen nicht anzeigen, ich bin da schon zu bekannt...". - Eine Kindergärtnerin: "Ich sage nichts mehr, sonst fliege ich hier raus." - Eine Migrantin: "Ich sage nichts mehr, sonst zerrt mich dieser Arzt noch vor den Kadi und ich bin ja selber Migrantin. Ich will keinen Ärger". - Eine somalische Aktivistin: "Ich weiß, wohin die Mädchen gebracht werden, hauptsächlich nach Holland. Ich werde mit den Eltern sprechen, mal sehen, was ich machen kann... schwierig schwierig... aber anzeigen werde ich sie nicht." - Eine Migrantin: "Sie haben mich nach Äthiopien gebracht zur Beschneidung und sie machen es immer wieder mit unseren kleinen Mädchen... Nein, ich kann sie nicht anzeigen, sie sind meine Eltern und die anderen aus unserer Heimat. Sie haben schon eine Organisation hier in Deutschland." - Eine Lehrerin: "Das geht uns eigentlich nichts an, es ist eben deren Sitte. Wir können da eh nichts machen." Eine Migrantin: "Ich brauche eine Psychotherapie... was meinen Sie, ob eine Operation mir noch helfen kann...?", weinend: "Ich werde noch verrückt!"
Aufklärung kann insofern nur eine begleitende Maßnahme sein. Deshalb schließen wir uns der immer noch aktuellen Forderung von Ayaan Hirsi Ali an, die professionelle Kontrolluntersuchungen durch Amtsärzte verbindlich einführen wollte. Falls dies nicht gelingt, werden tausende Mädchen aus Einwandererfamilien weiterhin der genitalen Verstümmelung zum Opfer fallen. In Afrika können die meisten betroffenen Frauen aus Armutsgründen keine medizinische Hilfe für die Spätfolgen von FGM in Anspruch nehmen. In den Ländern der Migration tragen die Gesundheitsdienste die Kosten für die teilweise gravierenden medizinischen Folgebehandlungen. Die alternative Finanzierung der Einrichtung einer nationalen und europaweiten Präventionsstruktur erscheint uns für einen effektiven Kinderschutz wesentlich sinnvoller.
Fotos © Ulla Barreto, TABU e.V.